Maigefühle

 © Sabine Matheis 2026 · Alle Rechte vorbehalten 

Was als unscheinbare Irritation beginnt, verwandelt sich in eine stille, unaufhaltsame Verschiebung der Machtverhältnisse – erzählt mit schwarzem Atem. 


Mit Büchern auf dem Arm und dem Schlüsselbund in der Faust stieg Heiko die Außentreppen der Gemeindebücherei hinab, steuerte sein Auto an und wäre ausgerechnet von Andrea fast über den Haufen gefahren worden. 
Sie schoss über den Parkplatz und bremste so scharf, dass Staub aufwirbelte und Steinchen unter die Karosserie ihres nagelneuen Autos schlugen. Ob sie ihn überrascht angesehen hatte oder erschreckt, oder vielleicht sogar enttäuscht, vermochte Heiko nicht zu sagen, denn er vermied den Blickkontakt. Außerdem hatte er die Bücher fallen lassen, als er zurückwich und beide Hände ihrem unverkennbaren, mit Prilblümchen überzogenem VW entgegenhielt.

Vielleicht waren es nur Sekunden, die ein paar Zentimeter eingespart hätten, weil Heiko an diesem Tag länger gebraucht hatte, um zu seinem Auto zu kommen. Vielleicht war es aber auch sein Zorn darüber, dass er die Bücher vor Schreck hatte fallen lassen und es Andrea einen feuchten Dreck interessierte, dass Kästner, Kafka und andere olle Kamellen, wie sie solche Klassiker nannte, im staubigen Schotter, nur knapp neben frischem Hundekot landeten. 

Anfangs hatte sie sowohl sein entgegenkommendes Passt-Schon verzaubert und dass sie „haargenau“ seiner „Kragenweite“ entsprach. Doch dann war sie fast dreißig Jahre lang mehr Prellbock als Ehefrau, geschweige denn Geliebte gewesen. Vielleicht war sie ihn aber auch leid und ging, weil Heikos Lunte kürzer war als die Zeit, die man brauchte, um sich vor seinen Wutausbrüchen in Sicherheit zu bringen. 

Mit steinerner Miene steckte er den Schlüsselbund in seine Hosentasche, mit dem so manch einer seiner Schüler, meist waren es Jungs, unangenehme Bekanntschaft machte, wenn er sie damit traf. Er zog das reinweiß gestärkte Stofftaschentuch aus der Gesäßtasche, tupfte den Schweiß von seiner Stirn und faltete es sorgfältig so zusammen, dass die Schweiß benetzte Seite innen lag. Dann kniete er sich umständlich nieder und staubte mit der außenliegenden Seite des Taschentuchs die Bücher penibel ab. Die Literatur unter den Arm geklemmt, stemmte er ächzend seinen schweren Körper hoch und visierte erneut seinen achtundzwanzig Jahre alten, vollkommen Kratzer- und Dellen freien, allsamstäglich geputzten Fiat an. Keuchend ließ er sich auf den Fahrersitz fallen und die Bücher auf den Beifahrersitz gleiten. 

Der Maitag war heiß wie im August, die Luft im Auto stickig. Heiko kurbelte das Fenster herunter. Weder wollte er damals elektrische Fensterheber noch eine Klimaanlage. Zum Verdruss von Andrea befand Heiko ein bei Sommerhitze geöffnetes Fenster „sowieso“ als die gesündere Art der Luftzufuhr. Und wozu diese elektrischen Fensterheber, wenn der liebe Gott dem Menschen doch Muskelkraft gegeben hatte?!

Er steckte einen der vielen Schlüssel ins Zündschloss, klammerte sich mit beiden Händen ans Lenkrad und starrte auf den Maikäfer, der träge außen auf der Windschutzscheibe krabbelte, direkt vor Heikos Nase stehen blieb und sich seine Fühler putzte. Heikos ohnehin schmale, blasse Lippen pressten sich zu einem Strich und seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als er, ansonsten reglos, mit dem Mittelfinger den Hebel der Scheibenwischer in schneller Folge drei Klicks weiter auf höchste Stufe stellte. Quietschend schossen sie über die blütenstaubtrockene Scheibe. 

Aus dem Augenwinkel erkannte der Käfer den Schatten wie einen Peitschenhieb auf sich zuschießen. Sein Hinterleib schmerzte gewaltig, als er übers Glas rutschte und dann in flirrender Sonnenhitze herumtorkelte. Der Schlag war zwar heftig, verhalf ihm jedoch zum schnellen Abstoß, bevor er vom nachfolgenden Wischer niedergewalzt werden konnte. Sich auf den silbernen Rahmen des Autodachs rettend blickte er keuchend vor Schmerz unter seinen Bauch. Keines seiner Beinchen war zwischen Glas und Gummilippe geraten - alles noch dran! Erleichterung überkam ihn. Dann aber maßlose Wut, die er zwar nicht in Worte kleiden konnte, die sich aber anfühlten wie Scheiß verdammter Riesenschädling

Eine solche Geschicklichkeit hatte Heiko dem trägen Insekt nicht zugetraut. Wieder einmal fühlte er sich als Verlierer. Noch dazu bei einer derart kinderleichten Sache! Abfällig lachend über sich selbst schnallte er sich an und startete den Motor. Deshalb hörte er nicht, wie der Maikäfer sich brummend in den Innenraum suchte. Er bemerkte ebenfalls nicht, wie sich dieser auf seiner Schulter, auf einem akkurat gebügelten Karohemd niederließ und von dort hinüber auf die Kopfstütze flog. Dort wandte sich der Käfer langsam in Fahrtrichtung und blieb reglos einige Kilometer weit dort sitzen.               

Heiko saß leicht vornüber gebeugt. Wie in einen Schraubstock gesteckt umklammerten seine Finger das Lenkrad. Aus seinen Fäusten traten die Knöchel weiß wie Kreidestummel hervor.

Der Käfer hob ab und brummte dicht am rechten Ohr vorbei. Heiko schlug unwillkürlich mit dem Handrücken nach ihm. Der Käfer kreiselte über Heikos graugelbem Haar, das er von links über eine kahle Stelle gekämmt und mit Pomade fixiert hatte. Er schlug erneut nach dem Insekt und riss sich dabei eine Strähne von der kahlen Stelle, die ihm ins Gesicht fiel. Mit einem Ruck geriet der Wagen von der Fahrspur. 

Während Heiko den Wagen wieder in die Spur lotste, setzte sich der Käfer in Ohrhöhe an das linke Seitenfenster. 

Heiko griff ein Buch vom Beifahrersitz und, ohne hinzusehen, fuchtelte und fegte er den Käfer von der Scheibe. Das Auto machte einen Schlenker, diesmal bis in den rechten Wiesenstreifen. Im Fußraum der Beifahrerseite rollte eine halb leere Wodkaflasche klirrend über die Gummimatte, während der Maikäfer schwerfällig durch den Innenraum schwirrte.

Unerreichbar für Heikos Hand und deren Verlängerung durch ein Buch landete das braune Insekt auf dem äußersten Rand des Armaturenbrettes. 

Heiko fluchte, wedelte und patsche mit dem aufgeklappten Schriftgut in der Luft, in der Hoffnung den Käfer in erreichbare Nähe zu scheuchen. Jetzt ärgerte er sich, keine elektrische Fenstersenkung zu haben. Durch das Gewicht seiner Verlagerung nach rechts lag Heikos Fuß schwer auf dem Gaspedal. 

Die Sonne löste den Geruch von Cockpit-Spray aus der schwarzen Kunstlederfläche. Vielleicht von der wilden Fahrt oder von der chemischen Ausdünstung vertrieben, oder von beidem, erhob der Maikäfer sich, während zwei Motorradfahrer überholten. 

„Scheiß verfluchte Straßenraudis!“ Heiko zog sich enger ans Lenkrad, drückte aufs Gas und überholte einen vor sich hin tuckernden Trecker. Im Rückspiegel sah er den Stinkefinger der Treckerfahrerin.

Nur knapp vermied ein entgegenkommender Lastwagenfahrer einen Zusammenstoß, indem er scharf bremste und mit seinem Anhänger ins Schlingern geriet. Heiko sah ihn aus dem Augenwinkel und scherte knapp vor dem Trecker ein. 
Misstrauisch beobachtete er im Rückspiegel den Käfer, der hinten auf der Ablage neben dem verrutschten, froschgrün gehäkelten Klorollenhut saß. Sie näherten sich einer schnurrgeraden Baumallee. 

Heiko tastete nach dem Buch, das aufgeschlagen, mit den Seiten nach oben weisend auf seinem Schoß lag. Seine Augen wechselten vom Käfer zur Straße, von der Straße zum Buch, vom Buch zur Straße und zurück zum Käfer. 
Doch der war aus dem Rückspiegel verschwunden. 

Ein Luftzug streifte seinen Nacken, Brummen drang ins rechte Ohr. Wie eine ferngesteuerte Mini-Drohne schwirrte das Insekt vor Heikos Nase hin und her, auf und ab. 

Stoisch, ohne Käfer und Straße aus den Augen zu lassen, schob Heiko eine Hand unters Buch, hob es unmerklich, überaus langsam an. Im passenden Moment würde das lästige Insekt mit einem Klapp zwischen den Seiten zermalmt.  

Mit einem lautem Knall, unter krachendem Bersten und herumfliegenden Glassplittern wickelte sich der Fiat um den Stamm einer uralten Platane. Mitten in Heikos Kopf steckte ein spitz abgebrochener Aststummel. Der Airbag, den er sich damals als einzige Sonderausstattung gegönnt hatte, war ebenfalls vom Ast durchstochen. 

Die Abenddämmerung sickerte durchs maifrische Grün der Bäume, es roch nach Alkohol. Zwischen den Zweigen schimmerte die blutrote Halbsonne über ein leuchtendes Rapsfeld. Quietschend lief der Scheibenwischer über die Windschutzscheibe. 
Auf Heikos Schoß lag aufgeschlagen das nächste Deutschthema seiner Zehntklässler, Erich Kästners Konferenz der Tiere.