S . t . a . n . d . p . u . n . k . t . e . 

 © Sabine Matheis, alle Rechte vorbehalten.

Hinweis:  „Standpunkte“ erzählt von einem existenziellen Ausnahmezustand und enthält intensive Darstellungen von Angst, Bedrohung und Verlust. Bitte lies den Text nur, wenn du dich innerlich stabil genug dafür fühlst. 

              

Chrissi

Ungeduldig klingele ich bei meiner Nachbarin. Etwas außer Puste öffnet sie die Tür: „Morgen Chrissi, was gibt’s?“ 

 „Hi Aysha, ich glaub’, Mia hat Keuchhusten. Bitte, kannst DU mit ihr zum Arzt? Ich muss heute doch diese Präsentation halten. Mein Chef flippt aus, wenn ich ihm das verpatze!“ 

„Ach du liebe Güte! Chrissi, das tut mir aber jetzt sehr leid! Wir haben doch heute jede Menge Gäste.“ 

Ich schlage mich an den Kopf: „Herrje, Dein Vierzigster! Das hatte ich ganz vergessen. Sorry!“ 

„Kann deine Mutter nicht…“ 

„Die sitzt seit ’ner halben Stunde im Flieger nach Rio. Ach, mach dir keinen Kopf, ich find schon jemanden.“ 
Doch es gibt niemanden.

„Christina!“, bellt mein Chef ins Telefon. „Jetzt bitte mal! Doch nicht heute! Ruf’ meine Frau an. Die hat immer Zeit.“ 
Zeit schon. Aber kein Händchen für Kinder - geschweige denn ein krankes! Widerstrebend wähle ich ihre Nummer. Niemand hebt ab. Nebenan hustet und würgt Mia. Sie muss dringend zum Arzt! 

 

Eine Stunde später verlasse ich die Praxis. Also doch Keuchhusten. Na bravo! Ich lege Mia ins Bett, gebe ihr das Zäpfchen und rufe meinen Chef an. Die Präsentation soll ich ihm zuschicken. Grußlos knallt er den Hörer auf. 

Ich schnaufe durch. Ein Berg Bügelwäsche türmt sich im Wäschekorb, der neben dem Sofa schon seit zwei Wochen auf mich wartet. Also gut, Bügelbrett raus, Wäschekorb auf den Stuhl und Fernseher an. Doch zum Bügeln werde ich nicht mehr kommen.

Was sich in den Nachrichten abspielt, die in allen Programmen laufen, lässt diesen wunderschönen Spätsommertag zum kältesten des Jahres werden. Ich starre auf den Bildschirm. Flammendes Inferno?  Neu verfilmt? Doch der alte Schinken aus den Siebzigern ist kein Spielfilm im Dokumentationsformat! Das ist die Stimme unseres Nachrichtensprechers aus dem Abendprogramm. Am heller lichten Mittag! Mein Gott, wo ist das?! 

Meine Augen antworten. Doch mein Verstand spielt nicht mit. „Ein Flugzeug? Oder ein Unfall?“, so die Stimme des Kommentators. Dichter Rauch umhüllt einen der beiden Türme, durchschneidet mit schwarzem Banner den stahlblauen Septemberhimmel. 

Das kann nicht wahr sein! Doch nicht bei uns! Sowas ist doch heutzutage nicht möglich! Hier schon gar nicht! Gott! Mein Gott! Aber das ist ja ... Ich schaue auf die Uhr. Meine Kollegen! Sind alle im Meeting! Oh mein Gott! 

Menschen beugen sich aus Fenstern, die sich eigentlich nicht öffnen lassen. Sie lehnen sich weit heraus… Oh Gott … Ist das etwa unser Stockwerk? Das Hundertzweite? Oh Gott! Ich… ich wäre jetzt … dort! Entsetzt lasse ich mich auf den Sessel fallen und starre zur Kinderzimmertür. Die Armen! Sie winken um Hilfe. 
Kameras verfolgen ihren Fall, halten sie im Bild, als wollten sie die Fallenden bremsen, aufhalten, festhalten … aushalten. Immer mehr winken aus den Fenstern. 
Ich sehe ihre Gesichter nicht!  

Constance! Ist das etwa … bist du das, Constance! Das ist doch … deine neue rote Bluse? Halt durch! Halt durch… Gott hilf ihnen doch! Denk doch an ihre Kinder! Wo sind die Feuerwehrleute? Wie lange dauert so eine Evakuierung!? Warum sind die so langs… 

Ein Flugzeug schraubt sich von links kommend ins Bild. Ein Feuerball platzt aus der Mitte des Towers neben ... meinem Bürogebäude. Immer wieder quälen sie uns mit ihren Zeitlupenaufnahmen. Wie in lauwarme Butter gleitet es hinein. Mein Nacken versteift, mein Verstand schleift meinen Augen hinterher. Wer kann denn sowas tun?! Warum??? Tut doch was dagegen!!! 

NEIN. NEIN! MEIN! GOTT! Wieder ein Unfall? Das kann nicht sein! Nicht zweimal! Das glaubt ihr doch wohl selber nicht! 

Das Dampfbügeleisen zischt auf dem Bügelbrett. Ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden, ziehe ich den Stecker. Der Wäschekorb fällt vom Stuhl. Ich knie in der Wäsche, presse mir ein Hemd vor den Mund, knete den Stoff in meinen Fäusten. 

Eine zweite schmutzige Rauchfahne schiebt sich himmelwärts, hinein in das schwarze Wolkenbanner des anderen Turms. 

Was ist das jetzt? Das ist doch… nicht möglich!!! Das KANN doch alles nicht wahr sein! Der Turm! Er… Nein! Er stürzt ein, schmilzt zusammen! Armageddon für meinen Verstand.

Träum ich das!!? Constance, oh Constance!!! Welcher war es? Sie winken. Rufen. Fallen. Welcher von beiden Türmen steht denn noch!? Alles sieht so entsetzlich gleich aus! Türme. Turm. Rauch. Stockwerke. Fenster. Staub. Menschen. Winken. Fallen. Das Geschenk für Toms Frau - in meinem Schreibtisch. Tom? Hat sich nie ihre Größe merken können. Wollte es ihr heute Abend geben. 

Was denke ich nur für einen Mist zusammen! Da sterben Menschen verdammt!!! Meine Kollegen!!! Einfach so. Weg!

Ich greife zum Handy. Rufe meinen Mann an. Er steht am Bahnhof. Sieht es dort auf Video-Werbetafeln. Ich soll mir keine Sorgen machen, sagt er. Dann bleibt er still. Gemeinsam sind wir still, sehen den zweiten Turm in die Erde sinken. Rauch verbirgt, was ich nicht verstehen kann. Verliebte. Väter, Mütter, Großeltern, Babybäuche, Träume, Entschuldigungen, Sehnsüchte ... Das ist UNMÖGLICH! In dieser Stadt. Heutzutage. 
Wo ist Gott?! 
Urlaubspläne, bestellte Brautkleider, wartende Kinder, Sicherheit, Erspartes, Freunde, Umzugswünsche!!! 

Das Hemd in meiner Faust riecht nach Waschmittel. Und frischer Luft. Ich presse es auf meinen Mund: „Constance!!! Tom!!!“ 

Aus dem Nebenzimmer bellende Hustensalven! Ich greife die Fernbedienung von der Sofalehne. Stelle auf lautlos. Mia würgt, spuckt. Wo ist das verfluchte Handtuch? 

„Komm Kleines, setzt dich auf. Trink was. Dann wird’s besser.“
Gierig trinkt sie den kühlenden Eistee. Constance! 

„Mami, mein Hals tut so weh!“ Sie weint.
Constance! 

Dass…, dass Mia ausgerechnet heute Nacht krank wurde! Ayshas Vierzigster! Mutter im Urlaub. Heute! Dass die Frau vom Chef nicht ans Telefon ging! Gott, mir wird schlecht. 

Ich sitze auf der Bettkante. Meine Arme zittern. Mia hustet, würgt.
Ich ziehe sie trotzdem fest in meine Arme, denke an all die Toten. Ermordeten!
Constance! 

Mia windet sich aus meinen Armen. Dreht sich auf die Seite, will schlafen. Ich erhebe mich. Doch meine Beine zittern. Ich sinke. Falle. Auf die Kniee. Vor Mias Bett. Mein Gott, Vater! Vater!! Warum??? Meine Hände finden zusammen, halten einander. Worte fallen aus meinen Mund wie steingewordenes Brot: „Vater unser, der du… bist im Himmel… Geheiligt werde… dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden ...“ 

 

Constance

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, liebe Constance!“
Ich werfe das Handy auf den Sitz neben mir und drücke auf die Hupe.
Was für ein saudummer Spruch! Chef macht sich das wieder mal einfach!
 
Willy hat nun schon die zweite Nacht durchgehustet, sich mehrfach erbrochen.
Ich kralle meine Finger ins Lenkrad.
Verdammter Stau! Was ist es diesmal? Unfall? Auch egal, was es ist. Dann komme ich eben wieder zu spät! Gibt' Schlimmeres! Wenigstens war Mutter heute pünktlich! Na, ja, wenn’s drauf ankommt, kann man sich doch auf sie verlassen! Nur gut, dass ihr alter Ford heute mal angesprungen ist! Verdammt noch mal! Wann gehts da vorn weiter?! Manchmal kommt aber auch alles auf einmal! 

Ich drücke wieder und wieder die Hupe. Mein Vordermann zeigt mir den Stinkefinger. 

Habe ich meiner Mutter gesagt, wie Willy den Hustensaft einnehmen soll? Und dass Wasser in den Luftbefeuchter muss? Egal. Ich ruf sie nach dem Meeting an. Wenn es hier nur endlich weiterginge!

Mein Blick fällt minütlich auf die Uhr im Display. Schon halb neun durch! Na ja, muss ich halt nehmen, wie es kommt. Chef wird sicher… Ah! Endlich tut sich was. Es geht weiter. Ich drücke aufs Gas. Nicht zu schnell, Constance! Ein Knöllchen zahlt dir die Firma auch nicht. 

Ich stelle das Radio lauter, suche einen Sender, der was Beruhigendes ausstrahlt. Der Pick-up vor mir wird schon wieder langsamer! Er stoppt. Fünf Wagen weiter ein Schwertransporter. 

So ein Vollidiot! Kann der seinen scheiß Laster nicht woanders wenden!? Mensch, macht ihm doch endlich Platz da vorne!
Nervös haue ich auf die Hupe. Manche begreifen’s nie! Ich krame nach einer passenden CD im Handschuhfach. Hinter mir hupt es. Ich winke entschuldigend. Na endlich! Wurde aber auch Zeit! Fest drücke ich das Gaspedal durch. Sind ja nur wenige Minuten, die ich zu spät bin.
Meckern wird der sowieso!
 

 

Fünfzehn Minuten später bin ich am Ziel. 

Ahhh… die Götter sind also doch noch mit mir. Eine freie Parkbox!
Getrieben steige ich aus, stürze aus dem Parkhaus, über die Straße, ins Gebäude, die Rolltreppe hoch, husche diesmal nur an dem Portier vorbei, grüße nur knapp. Er gibt mir sonst immer seine Zeitung, hat immer ’nen netten Witz parat. 

„Heute keine Zeit, Mr. Fleishman, bin eh schon zu spät!“ 

Ich haste zum ersten Expressaufzug. Express. Von wegen! Braucht heute wieder ’ne Ewigkeit! Auch der ab der 44sten lahmt. Die Fahrstühle sind eine Katastrophe aus dem vorigen Jahrhundert!! 

Endlich. Auch der dritte Aufzug würgt ein Knäuel von Menschen aus. Ich drücke mich in den zähen Brei aus Aftershave, Nikotin, Leder, Chanelle- und Altfrauen-Haarspraygeruch. Oben angekommen, quetsche ich mich aus dem Menschenklumpen, stürze über den langen Flur, durch das Großraumbüro, grüße gehetzt, ziehe noch im Laufen meine Jacke aus. Auf meinen Schreibtisch stapeln sich schon die Akten. 

„Morgen David. War Chef schon hier?“ 

„Morgen Constance. Nein. Haste diesmal Glück gehabt!“ 

Gott sei Dank! Immerhin WAS heute!

Ich schmeiße meine Tasche in die Schreibtischschublade, den Blazer über die Stuhllehne, gebe mein Kennwort in den Computer ein: Total bescheuert, sich jeden Dienstag ein Neues zu vergeben! Eines, das dem alten nicht ähneln darf! Typisch IT-Abteilung! Als hätten wir nicht genug um die Ohren, als uns ständig neue Passwörter auszudenken. Nicht mit mir!
Ich blicke auf den Kalender, setzte den Cursor in den leeren Balken und tippe das Datum ein: 9-11-2001. So. Ich schaue auf die Uhr. 8:44. OK denn, so weit so gut. Ich stoße mich vom Schreibtisch ab. Erst mal nen Kaffee. Noch vor dem Kaffeeautomat stehend nippe ich. Benjamin hat ihn wieder mal zu stark gekocht. Der lernt es nie! 

„Guten Morgen, Constance!“, flötet es hinter mir. 

„Guten Morgen Mr. Clark!“, trällere ich zurück. Ein bestens gelaunter Chef! 

Muss mein Glückstag sein! 

Dienstbeflissen eile ich durch das Klickern und Klackern der Tastaturen vor ihm her, zurück zu meinem Schreibtisch. Mit der Tasse in der rechten Hand ziehe ich mit meiner linken den Stuhl unter dem Schreibtisch hervor. Leise schnaufend lasse ich mich hineinfallen, nippe am Kaffee, schmecke den bitteren Geschmack, ziehe mich zur Schreibtischkante, greife zum Telefonhörer, vernehme dumpfen Donner, spüre den Boden unter mir schaukeln, den Schreibtisch vibrieren.

Grollendes Dröhnen, knirschende Wände, Stellwände schwanken, stürzen um, Schranktüren springen auf, mein Bildschirm liegt schief an den Aktenstapel gelehnt. Kein Klickern und Klackern mehr.

Auf meiner Brust brennt es. Ruckartig beuge ich mich vor. Zu spät! Ich starre auf meine Bluse. Verflixt nochmal! Ein riesiger, hässlicher, dunkler Fleck auf 300-Dollar-reiner-Seide. 

 „Eine Bombe!“, schreit jemand.

Die Kaffeetasse liegt auf dem Boden. Deckenplatten flattern herunter.
Ist heil geblieben, die Tasse. Für die beste Mama der Welt steht drauf. Ich schaue hoch.

Putz rieselt an deckenplattenfreien Stellen herunter. Mit kleinen Bröckchen. Ich ziehe den Stoff mit der heißen Flüssigkeit von meiner Haut. Sie ist neu. Natürlich ist sie neu! Is ja wieder mal typisch für mich! 

Tom sieht mich an wie ein Gespenst.

Eine Bombe? Wirklich?
Raus hier!


Ich starre auf meine rote Bluse. Meine Finger gleiten vom Stoff, der kalt und nass auf meine Haut klatscht. Staub. Überall Staub. Stellwände auf dem Boden. Auch Ms. Clark.
Erdbeben! Vielleicht nur ein Erdbeben? Wieso eigentlich nur!? Ist das besser als eine Bombe? Oder war es Gas?

Wieder schaukelt der Boden, rappelt das Geschirr in der Teeküche. Noch mehr Deckenplatten fallen. Mein Gott! Ein Erdbeben! 
Schreie. Es regnet. Im Büro. 

„Raus! Raus hier, Leute!“ 

Brandgeruch. Es brennt! Raus. Jetzt Nerven behalten. Nur keine Panik aufkommen lassen! Ein Beispiel sein! Meine Beine bewegen sich. Dicker Qualm auf dem Flur. Löschwasser durchnässt meine Bluse vollends. Vor dem Fahrstuhl drängeln Leute. Verdammt. Meine Handtasche! Meine Papiere!
Leute fluchen, schreien, andere bewegen sich wie Zombies, stehen im Weg wie Marmorstatuen. Weiße Gesichter. Riesige Augen unter grauen Betonhelmen. Aus dem Fahrtstuhl dringt Qualm. 

„Die Treppe nehmen!“, brüllen zwei Männer. 

Richtig. Also die Treppe. Hab ich auch noch nie gemacht. Einhundert Stockwerke! Hätte ich heute bloß meine flachen Schuhe angezogen! Scheiß was auf die Pumps. Ich nehme sie in meine Hände. In jede Hand einen Schuh. Wie ein Kind springe ich Stufe um Stufe herunter. Leichtfüßig. Die Steinchen auf den Stufen schmerzen, reißen mir sicher meine Strümpfe kaputt!
Immer mehr Leute im Treppenhaus. Ein Mann stößt eine Frau um. Rennt an ihr vorbei. Risse in den Wänden. Stehen die etwa schief?

Ich muss an einen Film aus den Siebzigern denken. Erdbeben. Mit Charlton Heston. Komisch, dass ich jetzt daran denke.
Gar nicht komisch! Passt. Genau wie hier. Fast. Bei denen war die Treppe weg.
 

Der Qualm, der Staub. Es brennt, beißt, frisst sich in meine Lungen, je tiefer wir kommen. Durch die Bluse atmen. Ich zerre den nassen Stoff vor Mund und Nase. Bringt überhaupt nichts! Runter auf die Stufen und nach unten kriechen. Durch die Leute. Geht aber nicht. Zu viele Menschen! Viele kommen mir entgegen! Platzangst kann ich jetzt nicht auch noch gebrauchen.

Meine Knie schmerzen. Also wieder hoch. Los! Auf die Füße mit dir, Constance! Durch die Tür im Treppenhaus wird gedrängelt, geschoben, gestoßen, geschrien. 

„Zuviel Qualm hier“, huste ich den Leuten entgegen, presse mich gegen den Strom auf den Flur zurück. Schreie. Husten. Röcheln überall. Dazwischen Wortbrocken, die wie dicker Mörtelputz aus trockenen Männerkehlen poltern: „Seid! Doch! Vernünftig! Verdammt noch mal! Geht in eure Büros! Haltet RUHE! Ihr versperrt der Feuerwehr den Weg!“ 

Ich laufe ins Büro, suche mein Kollegen. Auch hier sammelt sich Qualm. Pelzig, beißend, quillt durch Lüftungsschlitze, sammelt sich unter der Decke.
Oh Gott! Wir werden ersticken. Ans Fenster!

Schlagt die Fenster ein!“, höre ich es schreien.
Nein. Nein! Kein Sauerstoff, wenn’s brennt!
„Runter auf den Boden!“
Das war meine Stimme.

Luft! Jetzt! Qualm beißt in meiner Stirnhöhle, schabt, kratzt in meinen Augen, Staub und Rauch verstopfen meine Lungen, Atemwege brennen, die Hitze backt nassen Staub zu Krusten auf der Haut. Seit wann gehen die Sprinkler nicht mehr? Fenster auf. Verdammt noch mal: Luft! Warum lassen sich die Fenster hier oben nicht öffnen!? Wo bleibt die Feuerwehr! 

Kerim zielt mit einem Stuhl aufs Fenster. Ein riesengroßes Spinnennetz überzieht das Glas. Ein zweiter Wurf. Ein dritter. Es zerbricht. Endlich!

Ich krieche zu Kerim, ziehe mich an ihm hoch. Viele machen es ihm nach. Stehen vor ihren eigenen Fenstern, kämpfen dort um einen Platz. Scherben splittern.

Weit lehne ich mich hinaus, huste, würge. Luft. Mit viel Rauch und Staub. Doch ich kann atmen. Wie lange noch? Werde ich verbrennen? Die meisten ersticken bei sowas, heißt es.

Ich lehne mich so weit wie möglich heraus. Dicker Qualm schiebt sich um mich herum ins Freie. Es wird heiß hinter mir. Sehr heiß. Ein weiteres furchtbares Geräusch. Ich drehe mich um. Brennender Fußboden, Mörtelbrocken fallen von der Decke. Oh mein Gott! Was passiert hier eigentlich? Hexenverbrennung. Wieso denke ich an sowas?! Schau nach vorn, Constance! Luft. Rausschauen, dahin, wo es Sauerstoff gibt. Stühle fallen vom Himmel. Stühle und… Mein Gott! Leute! Das sind doch Menschen! Einer von ihnen schreit.
Nicht hinschauen Constance! Der Schrei verstummt.
Konzentrier dich auf dich! Auf Luft. Sicherlich kommen sie uns gleich holen. 

Da sehe ich Benjamin!
Mein Gott, was macht der Idiot!! Runter von der Fensterkante! Nein! Benjamin! Nicht! Noch nicht!
Er kippt vornüber. Wie in Zeitlupe. Wie in verdammter Zeitlupe! Sowas überlebt niemand.
Er ist tot. Jetzt …
... ist er tot!
Eben noch stand er hier!
Gerade noch trank ich seinen Kaffee! Er war zu stark. Wie immer! Eben noch alles so wie immer! Mein Gott, Benjamin! Ich kapier das nicht! Oder hat er sich nur zu weit rausgelehnt? 
Ich sehe mich um. Schwarz. Rauch. Augen brennen. Es wird heiß. So heiß! 

Er wollte nicht verbrennen. So war das! Bleibt uns denn nur noch, uns die Art unseres Todes auszusuchen!? Ich blicke nach unten.
Verbrennen? Nein. Niemals!
Ich spring auch. Ja, ich auch! Aber noch nicht. Jetzt noch nicht!

Mein Gott! Ein Himmel so blau wie in einem Bergfilm! Bodhan, mein Liebster! Unsere Kinder! Oh, Gott, ich liebe euch doch so! Hätte ich William heute Morgen nur nicht so ungeduldig angeschnauzt! Arme Nadja, mein Engelchen, sie wird… Was soll nur aus ihnen werden? Ich liebe euch doch so! Nein! Nein, nein, nein. Ich warte noch. ICH springe nicht! Noch nicht - werde vielleicht überhaupt nicht springen müssen. Ich halte das aus. Ich muss das aushalten! Ich muss! Meine Kinder!
 
Gott, warum hast du mich nicht länger schlafen lassen? Nur eine Viertelstunde! Nur zehn Minuten! Vielleicht hätten fünf gereicht! Warum hast du mich nicht im Stau stecken lassen? Warum war Mutter heute mal pünktlich? Sie ist immer zu spät! Immer!!! Wie oft haben wir mit ihr Streit deswegen! Wie unendlich oft habe ich sie angeschrien. Damals, wenn sie mich ständig vor der Balletschule hat warten lassen. Ausgerechnet heute pünktlich! Warum heute?! Warum!!?

Gleich werden die Sprinkler wieder anspringen. Sie kommen, werden uns holen.
Meine Arme bewegen sich. Viele Hände rudern. Vor den Fenstern. Die müssen doch wissen, dass wir hier sind. Schick sie rauf, ja? Bitte, lieber Gott, schick sie endlich rauf! 

Hände reißen mir die Bluse vom Leib. Es sind meine. Ich schwenke sie durch die Luft. „Hey! Holt uns hier raus! Lasst euch verdammt noch mal endlich was einfall...
Was… ist?
Der Fußboden zittert.. Es rappelt so. Mein Gott, wo? Ich… gesprungen?
Ist das so, Sterben? Lass es schnell gehen. Gott, ich fall…, bitte, bitte, bitte, Gott, Gott, Gott ...Vater! Unser! Der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dei... ---------------------“


Zufall oder Schicksal?
Ohne Mitgefühl - alles Hölle.