Sprache schafft Wirklichkeit

Ich gendere – und das schon viele Jahren. 


Bild:  Vollständiger Text  DIE SCHLAGZEILE ganz unten – entstanden während meiner Hospitanz in einer Anzeigenredaktion.  

 

Nicht aus Pflichtgefühl mache ich das Weibliche in der Sprache sichtbar, sondern aus der Überzeugung, dass Sprache und Weltbild in einer machtvollen Wechselwirkung stehen. Sie formt unser Denken und unsere Kultur – und prägt, was wir für möglich, normal oder selbstverständlich halten. 

Es wird vermutlich noch Jahrzehnte dauern, bis weibliche Sichtbarkeit in der deutschen Sprache ganz selbstverständlich geworden ist. Doch gerade weil Veränderung ungewohnt ist und Mühe machen kann, halte ich sie für notwendig. Dass ein Thema umstritten ist, darf kein Argument gegen seine Notwendigkeit sein.

Schon für Kinder sollte selbstverständlich sein, dass sie Kapitänin eines Schiffes werden können, eine Besatzung führen, fachkundigen Rat bei einer Mechatronikerin finden – und dass sich Möglichkeiten nicht an sprachlichen Grenzen erschöpfen.
Ich gendere nicht mit aller Gewalt. Dort, wo es sprachlich holpert oder den Textfluss stört, lasse ich es. Mir geht es nicht um Korrektheit um jeden Preis, sondern um Eleganz, Lesbarkeit und Bewusstsein. Als Schriftstellerin bin ich mir der Wirkung von Worten sehr bewusst. Sprache trägt Verantwortung – für Bilder, für Denken, für Würde.
Wir verändern Sprache auch an anderen Stellen, um Respekt zum Beispiel vor indigenen Völkern sichtbar zu machen. Nicht aus Mode, sondern aus Haltung. In diesem Sinn verstehe ich auch gendergerechtes Schreiben: als Einladung zu mehr Wahrnehmung und mehr Gerechtigkeit – nicht als Zwang.
Gendergerechte Sprache kann helfen, eingefahrene Denkmodelle sichtbar zu machen und alte Machtmuster zu hinterfragen. Sie erinnert daran, dass Sprache Wirklichkeit mitformt. Gleichzeitig bleibt sie ein Werkzeug unter vielen – gesellschaftliche Gerechtigkeit entsteht nicht allein durch Worte, sondern durch gelebte Strukturen und Beziehungen. Sprache kann jedoch Türen öffnen. Zudem ist das Gendern noch ungewohnt – ein Prozess, der Zeit und Übung braucht. Für notwendig halte ich es. Doch ich streite nicht darüber.
Ich schreibe einfach so, wie ich es für richtig halte.
Interessante Berichte dazu von:
Maithink X 
Leschs Kosmos
Quarks Dimension Ralf

Text zum Bild ↓ 

DIE Schlagzeile des Jahres 2003: Mann macht Frauen unsichtbar!  

Ihr Erscheinen in der Unterzeile noch fraglich   


Hier im Vorspann ist in fettgedruckter, linksbündiger Form zu lesen, dass die Emanzipation der Frau auf dem Papier für Null und Nichtig erklärt wird.

 

Der Grundtext erzählt alles weitere in einfach gedruckter Blocksatz-form. Möglich ist hier auch die Einfügung einer Zwischenzeile (s.u.).


Zwischenzeile

Diese enthält ein oder wenig markante Worte, die auch schon vor dem Lesen des gesamten Textes den Lesenden ins Auge springt und neugierig auf den weiteren Inhalt machen soll. 

 

Trotzdem nützt sie, obwohl weiblicher Natur, demselbigen Geschlecht eher wenig, da Evas Identität meist auch in solchen Zwischenzeilen - wenn überhaupt! – eben nur zwischen den Zeilen im patriarchalischen Sprachschlamm ausfindig zu machen ist.

Dennoch entspannt sie (die Zwischenzeile!)  – genau wie Absätze – 

die Gesamtstruktur des Textbildes. Dies ist für Lesende von großem Vorteil, da es ihnen eine bessere Orientierung bietet und sich der Anfang der nächsten Zeile in bündigen, kompakten Textpaketen einfacher und leichter auflesen lässt. 


Ökonomisch sinnvoll


So wird besonders auch der Funktion des Auges ein doch eher geringes Maß an Leistung abverlangt. Im Gegenzug dazu bleibt dem Geist ein breites Potenzial an Aufnahmekapazität ökonomisch sinnvoll erhalten, um Inhalt, Rhetorik und Absicht eines Textes wahrzunehmen und die Gesamtaussage auf ihren tatsächlichen Wert für die Menschheit kritisch zu prüfen.  

Wohl auch aus diesem Grund werden Zeitungsseiten siebenspaltig gestaltet. 


Die Chance


Der Textkörper hat so die Chance, auch seinem Wesen nach wahrgenommen zu werden, wenn auf die Gestaltung der Form geachtet wird – vorausgesetzt, Schreibende sind ebenfalls des fesselnden Formulierens in witziger, ironischer, sarkastischer, kritischer oder – wo erforderlich – sachlich neutraler Weise mächtig. 

Puh! Was es nicht alles zu lernen gibt, wenn frau nach vielen Jahren beruflicher Abstinenz ohne jegliche Vorkenntnisse in der journalistischen Branche tätig wird! Angefangen vom Einprägen der vielen, neuen Namen des Redaktionsteams, weiter über die Aufnahme PC-spezieller Eigenheiten schon vor der eigentlichen Textbearbeitung bis hin zu betriebsorganisatorischen Erfordernissen.    

Frau will sich ja nicht gleich am ersten Tag blamieren und das (wenn auch äußerst hilfsbereite!) Team mit zahlreichen – leider auch sich häufig wiederholenden! – Fragen von der Arbeit abhalten. 


Zusammenbruch


Trotz der Reizüberflutung halte ich die Contenance und stehe meine Frau. 

Doch mein ganzes Weltbild bricht jäh zusammen, wenn mein holdes Auge bei der Textbearbeitung ständig mit ansehen muss, dass die Welt scheinbar immer noch im festen Würgegriff der männlich schreibenden Faust liegt – gehe ich von den Texten aus, die zur publikationswirksamen Einarbeitung in den PC in meinem Körbchen landen.


Verbannung


Mann oh Mann! Da kommt frau im wohl doch nicht so ganz aufgeklärten Zeitalter der Emanzipation ziemlich ins Staunen, wie man(n) uns auf dem Papier immer noch gedankenlos in blankes Nichts verbannt. 


Nicht nennenswert


Ist der weibliche Anteil der Menschheit es zumindest den schriftlichen Umstand immer noch nicht wert, erwähnt zu werden?! Da ist vom Reporter, Verbraucher, Berater und Besucher, vom Fotografen und vom Doktor, Pädagogen etc. die Rede. Auch die Verwendung des Plurals schafft nicht immer Abhilfe, täuscht er uns doch ebenso eine Welt weitgehend frei von berufstätigen Frauen vor. 


Wirtschaftsflaute logische Konsequenz


Kein Wunder, dass es mit der deutschen Wirtschaft nicht aufwärts geht und die Pisastudie recht beschämend ausfiel! Ohne die Kaufkraft der Verbraucherinnen und eine gescheite Anzahl von Pädagoginnen kann das ja nichts werden. Wenngleich es der weiblichen Lebensqualität auch keinen Abbruch tun dürfte, dass wir uns des störungsfreien Sprachgebrauchs wegen nur schwer an eine neutrale und gerechte Sprache gewöhnen können, so sollte aber zumindest schriftlich und der Fairnis halber auch der nicht gerade geringe weibliche Bevölkerungsanteil endlich seine Beachtung finden. Besonders die Leserinnen werden sich ihrer Berücksichtigung erfreuen, wenn, wo es sprachlich in natürlicher Weise gelingt, auf geschlechtsneutrale Formulierungen geachtet wird.

 „Man“ sollte nicht einfach schreiben, wie einem der Schnabel gewachsen ist. „Es“ sollte mit mehr Bedacht formuliert, notiert, argumentiert, diskutiert, referiert, konferiert, fabuliert ... werden.

Man(n)ipulation


Diesen (zugegebener Weise sogar für Frauen mitunter auch mühevollen) schriftlichen Umstand sollten wir dem männlichen Teil der wunderbaren Schöpfung - die unbestreitbar nicht nur auf dem biblischen Papier das Ganze meint - schon wert sein! Statt Weltbilder weiterhin  „man(ni)pulierend“ sollte nun endlich fair und neu(-tralisierend) formuliert werden. 

 

Keine Vergewaltigung!


Als Schreibkraft werde ich mich also zumindest darum bemühen - wo sprachlich nicht vergewaltigend - meine Schwestern wieder zur Sprache kommen und auf dem Papier in Erscheinung treten zu lassen. Einer … oh pardon - eine muss ja mal damit anfangen. (S.R.)