1963 erblickte ich als schüchternes Ruhrpottmädel in Dortmund das rußige Licht der Welt.
Schreiben spielte zunächst keine Rolle. Wohl aber das Gefühl, dass etwas in mir nach Ausdruck suchte – eine innere Bewegung, die sich meldete, ohne sich benennen zu lassen. Ich probierte es mit Malen, Musik, sogar mit Singen und Fotografieren. Doch nichts davon fühlte sich stimmig an. Nichts blieb.
Die Liebe zu Worten entdeckte ich dennoch früh. Ich hörte stundenlang meine Märchenplatten, las mich als Kind und Jugendliche durch Bücherwelten hindurch und spürte schon damals die Macht der Sprache – mal tröstend, mal schneidend. Die Möglichkeit jedoch, Sprache selbst erfüllend einzusetzen, blieb mir lange verschlossen. Schreiben war da, aber eher wie ein leises Glühen im Hintergrund.
Dass ich in der Schule bei Aufsätzen immer sehr gut abschnitt, machte mir Freude. Doch weder ich noch meine Eltern oder Lehrer und Lehrerinnen deuteten das als besondere Begabung. Schreiben war etwas, das man eben tat – für die Schule. Ich schrieb gern, ohne es ernst zu nehmen.
Was blieb, war eine leise Unzufriedenheit. Ein Drang, der keinen Ort fand. Dieses Nicht-Finden dessen, was da in mir rief, machte mich über lange Zeit unruhig – und ja, auch unglücklich. Nicht aus Mangel an liebevoller Zuwendung, sondern aus dem Gefühl heraus, dass etwas Wesentliches in mir noch keinen Ausdruck hatte.
Mein erlernter Beruf der Einzelhandelskauffrau entsprach einer soliden Ausbildung, wie sie in den 1980er-Jahren naheliegend war. Ausbildungsplätze waren knapp, Lebenswege pragmatisch gedacht. Dass der Umgang mit dem Wort beruflich für mich der erfüllendere Weg sein könnte, stand für niemanden in meinem nahen Umfeld im Raum – am wenigsten für mich. Für mich selbst war diese Wahl keine glückliche. Die Arbeit im Verkauf einer großen Kaufhauskette ließ mich innerlich leer zurück.
In der Hoffnung auf Veränderung wechselte ich später ins Lager desselben Unternehmens. Die Arbeitszeiten wurden besser, der Alltag jedoch blieb hart: Neonlicht, Pakete schleppen, Kälte im Winter, Hitze im Sommer. Es waren falsche Jahre – Jahre, in denen das Naheliegende wichtiger war als das Passende.
Dann kam ein Moment, der vieles veränderte.
Mein etwa achtjähriger Sohn lachte eines Tages laut über eine Szene, die ich geschrieben hatte. Dieses Lachen war der Windstoß, der die Glut meines schriftstellerischen Daseins entfachte.
Trotzdem vergingen über drei Jahrzehnte, in denen ich als Hausfrau und Mutter mein Abitur nachholte, Nachhilfe und Sprachförderunterricht für Grundschulkinder mit Migrationshintergrund gab, Trauergespräche in kleinen Gruppen führte, eine kirchliche Kinderbücherei betreute und schließlich im Vertrieb eines Nachhilfeinstituts landete, bevor ich mich dem Veröffentlichen zuwandte.
In der Tätigkeit mit Kindern erlebte ich erstmals, wie erfüllend es sein kann, Menschen beim Lernen zu begleiten, ihnen Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln und Sprache als Schlüssel zu erleben – nicht als Hürde.
In all diesen Jahren zuvor schrieb ich dennoch im stillen Kämmerlein: Geschichten, Gedichte, Sachtexte, Ideen, Gedankenfetzen – und bewahrte alles auf.
Meinen Vollzeitjob wandelte ich, mittlerweile sechzig Jahre alt, in einen Teilzeitjob - der erste zaghafte Schritt für mehr Zeit zum Schreiben.
Rückblickend erkenne ich in all dem einen stillen Erwerb von Fähigkeiten, die mir heute beim Veröffentlichen zugute kommen.
Lebensumstände können traumfressend sein: Visionen gehen verloren – oder entstehen erst gar nicht. Das alles prägt meine Texte. Und vermutlich auch meinen Antrieb: Menschen für einen Lebensweg zu begeistern, der sie ihre eigene Lebensmelodie entdecken lässt. Sie zu ermutigen, sie laut zu singen – statt sie ein Leben lang nur zu summen.
Vielleicht schreibe ich deshalb auch für jene, die Kinder begleiten. Und für Menschen, die sich – egal in welchem Alter – erlauben wollen, ihre eigenen Träume endlich ins Zentrum ihres Lebens zu stellen