Das Geheimnis der Mimosen
© Sabine Matheis, alle Rechte vorbehalten
Märchen aus meiner Reihe Blumenmärchen - Geschichten aus der leisen Welt
Es begab sich zu einer Zeit, als Gott die Welt erschuf und die Menschen noch nicht auf Erden waren. In seinem bunten Gedankenspiel sann er darüber nach, was in der irdischen Natur sein sollte.
Die Engel, die er schon erschaffen hatte, waren die ersten, die Gottes Schöpfung bewunderten und in seinem Garten spielen durften.
Unter ihnen gab es einen, der Flora hieß.
Flora spielte selten mit den anderen Engeln. Er liebte es viel mehr, Tag und Nacht bei Gott zu sitzen und ihm bei seinem bunten Treiben zuzusehen, als in seinem Garten zu spielen, von all den Früchten zu naschen, herumzutollen, mit den Tieren zu spielen und sich wie die anderen Engel immer wieder neue Spiele und Späße auszudenken.
Gott fragte Flora eines Tages:
„Warum gehst du nicht mit den anderen spielen? Ist dir hier nicht langweilig?“
„Aber nein, Papa, überhaupt nicht!“, sagte Flora. „Bei dir ist es doch viel spannender! Wie machst du das bloß, dass aus deinen Gedanken alles wird, was ist?“
„Mmh …“, machte Gott, rieb sich an seinem Kinn und war ganz nachdenklich. „Das ist eine sehr gute Frage, Flora. Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Wenn ich so recht darüber nachdenke, weiß ich es nicht. Ich mache es einfach, weil es funktioniert – und Spaß macht!“
„Ob ich das auch könnte?“, fragte Flora.
Flora wünschte sich nichts sehnlicher, als auch einmal etwas zu erschaffen. Am liebsten eine Blume, denn ganz besonders an den Blumen hatte Flora allergrößtes Gefallen.
„Nur zu, mein Kind“, sagte Gott und zwinkerte dem Engel aufmunternd zu. „Versuch es einfach.“
Flora schaute Gott mit großen Augen an – so, als wäre ein dickes Stück Kirschkuchen geradewegs vom Himmel in seinen Schoß gefallen.
Doch dann dachte Flora laut nach:
„Und wenn ich dabei etwas falsch mache?“
„Oh je“, sagte Gott. „Wenn ich mir über so etwas Gedanken machen würde, dann würde ich ja gar nichts zustande bringen. Ich vertraue einfach auf meine Erfahrung. Und sollte mir doch einmal etwas nicht gefallen, kann ich es wieder wegnehmen oder überlegen, wie ich es besser machen kann. Ist doch alles möglich! Na los, mein liebes Florakind. Mach du mal!“
Gott war sehr neugierig, was Flora sich ausdenken würde.
Es dauerte nicht lange, und in Floras Kopf war ein Wort. Denn am Anfang ist im Kopf immer erst ein Wort - manchmal auch ein paar mehr oder ein Bild. Ein Bild sah Flora nicht - hörte aber in ihrem Innern ein Wort, das einen wunderschönen Klang hatte: Rose.
Flora sprach das Wort mehrere Male und es klang wie eine zarte Melodie. Allmählich gestaltete sich in ihrem Kopf ein Film. Sie hörte ihre Gedanken und ihre Gedanken formten Bilder:
Einen langen, kräftigen Stiel müsste sie haben – und daraus wachsen noch mehr Stiele, die sich verzweigten, als wollten sie nach Licht greifen. Am Ende jedes Stiels soll eine Blüte sein ... .
Flora blickte auf ihre Hand und flüsterte: „Aber nicht größer als meine Faust.”
Dann dachte sie weiter: Viele Blütenblätter, weich und kuschelig angeordnet wie ein Vogelnest. Samtig. Fast noch zarter als die Haut eines Pfirsichs. Und rot. Aber nicht einfach nur rot – hellrot, mittelrot, dunkelrot. Und dazwischen ganz viele feine Zwischentöne. Wie beim Himmel, wenn der Morgen gerade erst anfängt. Und ganz tief innen ein Rot so dunkel wie Drachenblut . Sie hob den Kopf und blickte gedankenverloren zum Himmel: „Falls es Drachen überhaupt gibt.v
In der Mitte feine gelbe Staubfäden, winzige Staubbeutelchen, ein kleines Stempelchen – ja, genau so! Dorthin würden die Bienen fliegen. Und die Hummeln. Und die Schmetterlinge. Sie würden den Staub mitnehmen und woanders wieder verlieren. Ganz aus Versehen. Und plötzlich gäbe es neue Rosen. Wie praktisch! Wie spannend!
Aber Moment, dachte Flora. Wie sollen die Bienen die Rose überhaupt finden?
Ein Duft vielleicht? Ein ganz eigener? Einer, der ihnen sofort in die Nase kitzelte? Und Blätter, müsste sie haben dunkelgrün und glänzend, als würden sie ein bisschen mit der Sonne um die Wette funkeln.
Ja. Genau so. Das gefiel ihm.
Als Gott die Rose sah, schnupperte an ihr, schloss seine Augen und sog ihren Duft mit einem tiefen Atemzug in seinen Geist. Beim Ausatmen sagte er versonnen:
„Ahhh, die hast du aber wunderschön gemacht, mein Kind! Wie hast du nur diese herrlichen Blüten hinbekommen? Und diese Würde, die sie ausstrahlt, die gefällt mir besonders gut. Aber dieser Duft..." Er nahm noch einen tiefen Atemzug und roch an der Rose: Herrlich! Den gibt es auf der ganzen Welt noch nicht! Sie ist eine richtige Schönheit geworden - deine Rose!“
Doch als Gott die Stacheln an ihren Stielen entdeckte, runzelte er die Stirn.
„Warum hast du ihr Stacheln gegeben? Deine Geschwister könnten sich daran verletzen.“
„Na“, empörte sich Flora, „sie muss sich doch gegen all die Tiere wehren können, die sich an ihr satt essen wollen!“
Flora wunderte sich über Gottes Frage. Das müsste er doch wissen. Doch sogleich schämte sich der Engel für diesen frechen Gedanken, denn Gott hatte ja eigentlich recht: Die Stacheln waren wirklich gefährlich. Flora hätte den Stielen auch eine dickere Haut geben können, so dick, dass niemand hineinbeißen könnte. Schon wollte Flora die Änderung vornehmen, da gebot Gott Einhalt.
„Nein, halt!“, rief er. „Deine Rose ist sehr gut geworden. Lass ihr ihre Dornen. Das ist eine wunderbare Idee, denn sie zeigen, wie schützenswert ihre Schönheit ist. Die dickere Haut kannst du ja an einer anderen Blume ausprobieren.“
Da lachte der Engel und war sehr stolz auf sein Werk, das sogar Gott so gut gefiel, dass er seine helle Freude daran hatte.
So erschuf Flora mit Feuereifer noch viele weitere Pflanzen, die sich mit dicken, langen, kurzen oder winzig feinen Stacheln schützen konnten. Diese haarfeinen Stacheln nannte sie „Brennhärchen“. In ihnen dachte sich Flora sogar eine kleine Portion bitteren Saft aus, der allen Tieren schlecht bekommen würde, wenn sie davon fraßen.
So erfand sie bald nach der Rose auch die Brennnessel, die besonders für manche Schmetterlinge wie geschaffen war. Einige von ihnen liebten ihren Blütenstaub über alles. Das war reiner Zufall und gar nicht von Flora beabsichtigt – was Gott jedoch sehr gefiel. Er klatschte in die Hände und freute sich wie ein Bauer, der einen Goldschatz im Acker gefunden hatte.
Eine Brennnesselstelle sieht von oben betrachtet wunderschön aus. Das frische Grün überdeckt den braunen Matsch und die grauen Erdklumpen wie ein dichter Teppich. Außerdem schützt es den Boden vor dem Austrocknen, sodass die Sonne das Wasser nicht sofort verdunsten lässt und es den Pflanzen noch viele Tage gegen ihren Durst dient.
Da Flora die Brennnessel in ihrer Eigenart von dichtem, üppigem Blattwerk so faszinierend fand, er wusste selbst nicht warum, war auf einmal ein neues Wort in seinem Kopf: „Mimose“.
Schon wieder eine neue Idee!
Flora freute sich und dachte nach: Wie könnte so eine Mimose wohl sein? Was sollte sie können, das andere Blumen nicht konnten?
Er dachte und dachte, sah auf seine Finger, krümmte und streckte sie, und sag vor seinem geistigen Auge plötzlich eine Blume, die ihre Blättchen ganz von selbst bewegen konnte. Ob Gott das gefallen würde?
Flora erinnerte sich daran, dass Gott gesagt hatte, man solle beim Erfinden nicht zu viel nachdenken. Also machte er sich an sein letztes Werk für diesen Tag. Es war ein heißer Sommertag, und Flora setzte sich in den lichten Halbschatten auf die Nordseite eines großen Baumes. Vor seinen nackten Füßen entstand auf der braunen Erde zwischen all dem Nutzkraut die allererste Mimose. Deutlich konnte man sehen, wie ihre feinen Blättchen sich bei Berührung rasch zusammenklappten - wie ein zusammengeschobener Fächer.
Alle anderen Pflanzen brauchten Wind, Regen oder Tiere, um sich zu bewegen. Die Mimose aber konnte es aus eigener Kraft. Wenn es anderen Pflanzen schlecht ging, konnten sie es nicht zeigen. Sie gingen ein, wenn sie in schlechter Erde standen, zu wenig Wasser bekamen oder zu grob behandelt wurden.
Damit alle die Bewegungen der Mimose gut sehen konnten, gab Flora ihr besonders viele zarte, gefiederte Blättchen, die weit ausgebreitet zartgrün leuchteten, wenn sie sich wohlfühlte, und sich eng anschmiegten, wenn es ihr schlecht ging. An ihren gelben oder zartlila Blütenbällchen labten sich Schmetterlinge, Bienen und Hummeln, die sie mit honigartigem Duft anlockte.
Es war bereits später Nachmittag, als Flora Gott rief. Die Sonne stand blutrot am Horizont, und der Himmel bereitete sich auf die Nacht vor. Gott staunte über die Mimose. Auch sie war wunderschön – und doch ganz anders als die Rose. Stolz küsste er Flora auf die Stirn.
„Aber das ist noch nicht alles, Papa!“, rief Flora aufgeregt. „Schau mal, was sie kann!“
Er strich sanft über die Blätter. Sofort zog die Mimose sie eng an ihre Triebe.
„Donnerwetter!“, lobte Gott. „Das ist ja großartig!“
Doch nach einer Weile wurde Gott nachdenklich.
„Warum legt sie ihre Blätter bei deiner Berührung an? Wäre es nicht besser, sie es nur bei Regen?“
Flora überlegte. „Vielleicht tun ihr die Tropfen weh.“
„Dann hätte sie ja Angst“, sagte Gott leise.
Flora erschrak. Das wollte er sofort ändern. Doch Gott hielt ihn zurück.
„Sie schützt sich selbst, was sehr klug ist“, erklärte Gott. „Gerade deshalb braucht sie keine Angst zu haben.“
Flora blieb dennoch unsicher. Er fürchtete, ihre Mimose könnte gefressen oder übersehen werden.
Doch Gott erklärte:
„Alle, die sie ansehen, werden daran erinnert, achtsam mit allem umzugehen, was fühlen kann. Deshalb ist sie vollkommen.“
Flora dachte lange darüber nach.
Doch schließlich wollte er der Mimose trotzdem noch etwas Schutz geben: kleine, feine Stacheln und einen bitteren Geschmack. Gott schmunzelte und war stolz auf Floras Mitgefühl.
Nur eines hatte Flora vergessen: Die kalten Nächte. Die Mimose fror, verlor ihre Blüten und wurde traurig.
Wieder wollte Flora sie lieber wegdenken, um ihr Kälte zu ersparen – doch Gott hatte andere Pläne.
„Setze sie an einen Ort, an dem sie gedeihen kann.“
Und so tat Flora es.
Die Mimose wuchs prächtig heran, fand viele Freunde unter den Schmetterlingen und erinnerte später die Menschen mit ihren beweglichen Blättern daran, dass alles Lebendige fühlt - obwohl viele es nicht zeigen können.
Doch die Menschen, die dann kamen, verstehen bis heute die Mimosen falsch. Sie lachen über ihr Zusammenzucken, spielen fasziniert mit ihren Blättern und merken nicht, wie sehr sie sie damit erschöpfen. Manche gehen daran zugrunde.
So lernten die übriggebliebenen Mimosen, als die Menschen sie fanden, sich die stillen Plätze der Welt zu suchen: warme Lichtflecken in geschützten Winkeln unter Büschen – Orte, an denen niemand sie bedrängt. Dort fanden sie Frieden, können gefahrlos ihre Blätter wie kleine grüne Hände im Morgenlicht spreizen und neue Kraft gewinnen, um Regen, den sie zum Leben brauchten, und auch Hagel zu überstehen.
Wenn du ihr heute begegnest und dir Zeit nimmst, sie nur anzuschauen, kannst du vielleicht spüren, was Flora einst in sie gelegt hat: dass Empfindsamkeit kein Makel und kein Mangel ist, sondern eine ganz besondere Art von Stärke.