Weihnachtsmärchen

von Sabine Matheis

Hörspiel


Leseprobe:

Es war einmal eine kleine, junge Hummel, die hieß Hanniball. Sie war erst im letzten Frühjahr geboren worden und noch dabei, die Welt zu entdecken. Es gab ja so vieles, was sie noch nicht kannte. Und sie wollte alles kennen lernen, ganz schnell. Denn so ein Hummelleben dauert nur einen Sommer lang. Doch das war schwer, weil sie immer schrecklich viel zu arbeiten hatte. Das ist nämlich bei Hummeln - genauso wie bei den Bienen - immer so. Sobald sie fliegen können, sind sie unermüdlich damit beschäftigt, den Blütenstaub einzusammeln und ihn für ihre kleineren Geschwister, die noch nicht fliegen können, nach Hause zu tragen. 

 

Mittlerweile war es Sommer geworden. Eines Tages, es war schon später Nachmittag, saß sie in einem wunderschönen, sonnendurchfluteten Garten auf einer Margerite. Eigentlich hatte sie für heute genug Blütenstaub gesammelt, den sie nun dick und schwer an ihren Hinterbeinchen kleben hatte. Und so sog sie nun selbst genussvoll den süßen Nektar zu sich hinein und aß sich daran satt. Mmmh, wie das schmeckte! 

Auf einmal hörte sie aber, wie hinter ihr gesprochen wurde. Es waren zwei Frauen, die sich unterhielten und es sich bei einer Tasse Kaffe im Garten gemütlich gemacht hatten. 

„Also ich finde“, hörte Hanniball die eine Frau reden, „wenn Weihnachten kommt, dann ist das doch das Aller-, Allerschönste. Ach, wenn es draußen so richtig schön kalt geworden ist und es auch geschneit hat, dann ist es im Haus so gemütlich warm. Und wenn ich dann Plätzchen und Bratäpfel gebacken habe, ... ach, wie das dann so schön duftet im ganzen Haus! Wir lesen in dieser Zeit immer sooo schöne Gedichte und Geschichten vor, und unsere Kinder basteln die herrlichsten Sachen. Das ist vielleicht gemütlich, kann ich dir sagen. Ja, und wenn erst der Tannenbaum im Wohnzimmer steht, also ... das kann man sich gar nicht vorstellen, wie gut das erst riecht. Wie es dann überall glitzert und schimmert! Und alles, weil Weihnachten kommt. Und wenn Weihnachten dann endlich da ist, ja dann koche ich ein wunderschönes Festessen. Und  wir ziehen uns alle ganz besonders fein an. Vor der Bescherung gehen wir dann zusammen in die Kirche. Das ist das Allerbeste. Dort singen wir dann die schönsten Lieder zusammen. Und der Pastor redet so schön feierlich, von Liebe und Frieden und so. Und die Kirche ist dann so herrlich geschmückt. Und überall brennen viele, viele Kerzen. Also, wenn Weihnachten kommt, dann wird mir immer ganz warm ums Herz. Wenn wir schließlich nach Hause gekommen sind, ja… dann ist Weihnachten. Und dann packen wir endlich unsere Geschenke aus.“ 

 

Hanniball war nun sehr, sehr neugierig geworden. Etwas so Schönes hatte er noch nie gehört. Wer war denn bloß dieser Weihnachten, dass es wegen ihm so wunderschön zuging? Sogar Geschenke gäbe es dann. Hanniball hatte noch nie ein Geschenk bekommen. So etwas Tolles wollte er unbedingt auch mal erleben. Und er nahm sich ganz fest vor, nach Weihnachten zu suchen und nicht eher aufzugeben, bis er ihn gefunden haben würde. Er wollte diesen Weihnachten unbedingt sehen. 

 

Das Jahr verging und der Herbst war ins Land gezogen. Hanniball hatte den ganzen Sommer über nach Weihnachten gesucht, aber noch nichts gefunden. Obwohl er von seiner Suche sehr, sehr müde geworden und es schon ganz schön kalt war, wollte er dennoch nicht aufgeben. Der Sturm pfiff bereits heftig durch die Gärten und über die Felder hinweg. Und Hanniball hatte große Mühe, seine Flugrichtung halten zu können. Außerdem gab es nicht mehr allzu viel zu fressen für ihn. Die meisten Blumen waren bereits verblüht. Doch er wollte durchhalten. Aber hier draußen war das schwer. Er musste eine warme Bleibe finden. Er flog also wieder in den Garten zu dem Haus, vor dem im Sommer die beiden Frauen von Weihnachten erzählt hatten und wo er öfters schon einmal nachgeschaut hat, ob Weihnachten schon da wäre. Durch ein geöffnetes Fenster flog er in die Küche und wärmte sich auf dem Küchenschrank erst einmal ordentlich auf. Die Zimmertür stand offen, und so konnte er sich in aller Ruhe im ganzen Haus einmal umsehen. Vielleicht war Weihnachten ja jetzt endlich hier? 

 

Nun, Weihnachten fand er noch nicht. Doch dafür richtete sich Hanniball erst einmal ein gemütliches Eckchen hinter dem Küchenschrank ein. Zu essen gab es hier reichlich. Irgendwo fand er immer ein paar Krümel oder Wassertropfen, um sich zu stärken. Manchmal fand er sogar ein wenig angetrockneten, süßen Fruchtsaft auf dem Küchenfußboden oder auf dem Küchentisch. Das schmeckte dann sogar noch viel süßer als der Nektar auf den Blumen, den er im Sommer zu sich nahm. So ließ er sich ’s gut gehen und hatte allerlei Kurzweil damit zu beobachten, was im Hause dieser Familie so alles vor sich ging. Irgendetwas war hier nämlich immer los. 

Eines Tages aber bemerkte Hanniball, dass etwas anders war als sonst. Die Frau putzte, wischte und schruppte in jeder Ecke des Hauses herum. Viel mehr als sonst. Hanniball musste ganz schön aufpassen, dass er dabei nicht erwischt wurde. Und einmal da hat sie ihn sogar gesehen. Und sie ist dann gleich mit der Fliegenklatsche hinter ihm hergejagt. Doch Hanniball war in seiner Angst viel schneller als die Frau und fand Schutz hinter dem Küchenschrank. Den konnte die Frau Gottlob nicht von der Wand rücken. Sie ließ stöhnend von ihm ab und verrichtete wieder ihre Arbeit. Dann fing sie an, das ganze Haus mit Tannengrün, Lichterketten, Kerzen und roten Schleifen zu schmücken. Die zwei Kinder lernten am Küchentisch Gedichte auswendig oder lasen der Frau Geschichten vor, wenn sie dort beschäftigt war. Was Hanniball noch auffiel, war, dass jetzt viel öfter als sonst einige Türen versperrt waren und sehr viel geflüstert und heimlich getuschelt wurde. Es war ganz schön rätselhaft und spannend, was jetzt hier so alles vor sich ging. Auch war die Frau jeden Nachmittag in der Küche damit beschäftigt, viele bunte Plätzchen zu backen. Das war dann auch für Hanniball etwas ganz Tolles. Denn er fand zu dieser Zeit ganz besonders leckere Krümel und sogar Schokolade, Sirup und Zuckerreste in den Ritzen zwischen den Küchenschränken und auf dem Küchenfußboden. Besonders immer dann, wenn auch die Kinder in all den vielen Schüsseln herumrührten. Sogar Honig fand er eines Morgens an einem Brotmesser vor, das achtlos in der Spüle lag. Jeden Morgen, wenn Hanniball ausgiebig gefrühstückt hatte, flog er durch das Haus und schaute nach, ob Weihnachten schon da war. Aber offensichtlich war es immer noch nicht soweit. Denn zuerst müsste doch noch ein großer Tannenbaum hier irgendwo stehen! Wenn Hanniball den riechen würde, und er wusste vom Sommer her noch ganz genau, wie eine Tanne riecht, dann wusste er, wäre Weihnachten auch da. 

 

Eines frühen Vormittags war es dann soweit. Plötzlich stieß Hanniball der würzige Duft einer Tanne deutlich in die Nase. Sofort flog er los, um Weihnachten zu sehen. Doch wieder fand er niemanden, den er nicht sowieso schon kannte. Die Frau und ihre Kinder hängten zusammen rote Glitzerkugeln und silbern schimmernde Fäden in den Baum. Dann setzte sie viele, viele klitzekleine klare Glassteinchen in ihn hinein. Das war gar nicht so einfach, weil sie auf ein grünes Plastikband gereiht waren und die Tannennadeln ganz schön pieksten beim Hineinsetzten. 

Weil es Hanniball jetzt sehr kalt war, kroch er in eine Falte der grünen Wohnzimmergardine hinein und beobachtete, wie sich der Mann von seinem Stuhl erhob, sich tief unter den Tannenbaum verkroch, an irgendetwas herumfummelte und es auf einmal zwischen all den Zweigen und Ästen hell erstrahlte, flimmerte und schimmerte. Alle Glassteinchen hatten angefangen, aus sich selbst heraus zu leuchten. Besonders schön schimmerte es immer dann, wenn jemand versehentlich an den Baum stieß, oder die silbernen Fädchen durch einen Luftzug berührt wurden. Manchmal, wenn niemand im Raum war außer Hanniball, flog er sogar absichtlich durch den Baum, setzte sich dann auf die Fensterbank und genoss das Flirren, Flittern und Flimmern der abertausend, dünnen Glitzerfädchen. Das sah dann zwar alles wunder-, wunderschön aus, aber von den vielen Lichtlein wurde Hanniball dadurch auch nicht wärmer. Und von Weihnachten war weit und breit immer noch nichts zu sehen. 

Hanniball fühlte sich eigentlich wie immer. Nur, dass er jetzt so oft sehr, sehr müde war und trotz der Wärme im Haus meistens ein wenig fror. Seine Beinchen und seine Flügel fühlten sich ganz steif an und schmerzten mitunter sogar ein wenig. Aber er wollte noch nicht einschlafen. Nicht eher, als bis ihn dieser Weihnachten so richtig warm gemacht hätte und er sein Geschenk bekommen würde. Besonders aber wartete er auf Weihnachten, weil er auf die Wärme wartete, die Weihnachten machen würde. So hatte die Frau es jedenfalls im Sommer gesagt. 

 

Plötzlich ging es furchtbar hektisch im Hause zu. 

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