Sabine Matheis

Der Fischer und die drei frechen Gänse

Hörspiel


Es war einmal ein Fischer.
Der hatte zwölf Kinder und keine Frau mehr, die sich um sie kümmern konnte, wenn er auf dem Fluss seine Arbeit tat und am Mittag die Fische auf dem Markt verkaufte. Er musste also jeden Tag viele Fische fangen, um seine Kinder zuhause satt zu bekommen. Er ging jeden Morgen ganz früh, noch bevor die Sonne aufging, an den nahe gelegenen Fluss,
um Fische zu fangen.
 
Einmal, es war ein sehr heißer, sonniger Sommertag und die Sonne stand schon hoch am Himmel, da hatte er immer noch keinen einzigen Fisch fangen können. Darüber war der Fischer natürlich sehr, sehr traurig.
Wie sollte er seine hungrigen Kinder heute nur satt bekommen? Die Leute sind längst schon auf dem Markt gewesen, um ihr Essen dort einzukaufen. Er würde heute nichts mehr verkaufen. Das wusste er!
 
Schuld an diesem Unglück waren drei gemeine Gänse. Die hatten ihren Spaß daran, den Fischer frech zu foppen und zu verulken. Sie riefen immer wieder ganz laut über den breiten Fluss:
„Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser!“
Das erschreckte natürlich die Fische, die ganz kleinen und auch die großen, sodass sie von dem Gebrüll und Geschnatter der Gänse und aus Angst vor ihren scharfen Schnäbeln verscheucht wurden. So konnte der Fischer keine Fische fangen, und seinen Kindern von dem Geld, das er für die Fische auf dem Markt bekam, Brot, Butter, Gemüse und Milch kaufen.
 Traurig ging er nach Hause und seine Kinder mussten zum ersten Mal hungrig zu Bett gehen.
Am nächsten Tag erging es ihm genauso. Und auch am übernächsten Tag fing er nicht einen einzigen Fisch, weil die Gänse immerzu riefen:
Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?
 
 Am vierten Tag, als er wieder am Flussufer stand und auf einen Fischfang hoffte, der seine Kinder endlich satt machen würde und er in sein Boot steigen wollte, da riefen die frechen Gänse erneut laut über den See: „Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?“
Da verzweifelte der arme Fischer und fing bitterlich an zu weinen. Dicke Tränen liefen ihm übers Gesicht, tropften ins Gras und kullerten in den breiten Fluss, an dem er stand.
 
Da sprang plötzlich ein riesengroßer, in allen Farben schillernder Fisch aus dem Wasser und landete direkt neben ihm im hohen Gras. Der Fisch war groß wie ein Schaf, zappelte im Gras und sah den Fischer
mit tellergroßen, angsterfüllten Augen an.
Seine Schuppen, die so groß wie die Blätter einer Birke waren, schillerten wie bunte Edelsteine in der Sonne.
Der Fischer wusste aber nicht, dass es ein Zauberfisch war, und er erschrak zuerst. Dann aber dachte er:
Das ist ein sehr großer Fisch. Wenn ich den verkaufe, bekomme ich sicherlich sehr viel Geld dafür. Und aus den buntglänzenden Schuppen, so dachte er, könnte ich sogar wertvollen Schmuck machen.

Doch plötzlich erschrak der Fischer erneut. Denn der Fisch fing jetzt an zu weinen, zu stöhnen und zu schreien. Noch nie hatte der Fischer in seinem langen Fischerleben einen Fisch schreien hören, denn Fische sind von je her stumm von Gott erdacht worden. Der schwere Fisch aber japste nach Luft, krümmte sich, zappelte und platschte im Ufergras und schien schreckliche Schmerzen zu haben. Langsam erstickte er. Da aber tat er dem Fischer leid. Er bückte sich, dachte nicht weiter darüber nach, was er mit dem Fisch so alles anstellen könnte 
und zog den schweren Fisch zurück ins Wasser.
 
Darüber freute sich aber der Zauberfisch so sehr, dass er sein großes Maul aus dem Wasser streckte und den Fischer fragte, wie er heiße. 
Der Fischer war sehr erstaunt darüber, dass der Fisch sprach und sogar seinen Namen wissen wollte. Ungläubig starrte er auf den Fisch. 
„Bist du taub? Wie heißt du?!“, fragte der Zauberfisch noch einmal. 

Da antwortete der Fischer: „Ich heiße Fritze Flunke und bin ein Fischer und meine Kinder sind so hungrig. Und wer bist du?“ 
„Ich bin Blubbi Blubberblase“, antwortete der Zauberfisch. 
 Höre mir zu, Fritze Flunke. Weil du mich gerettet hast, als ich eben aus Versehen an Land gesprungen bin, will ich dir einen Wunsch erfüllen. 
Was wünschst du dir?“ 
 
Der Fischer wunderte sich zuerst, dachte dann aber nach, grübelte und überlegte und dachte dann bei sich: Was kann es schon schaden, wenn ich mit ihm rede und ihm sage, was ich mir so sehr wünsche
 „Ach“, sagte er zu Blubbi Blubberblase, „ich möchte so gerne jeden Tag so viele Fische fangen, dass meine Kinder zu Hause satt werden können.“ 
 
Der Zauberfisch nahm nun viel Wasser in sein Maul und spuckte einen hohen Strahl davon wieder aus. Dann antwortete er: 
„Hach, das ist doch leicht! Dafür braucht es doch keinen kostbaren Zauber zu verschwenden, der mich viel zu viel Kraft kostet. Spare dir meinem Zauber für einen wichtigeren Wunsch auf.“
 
„Aber ich habe keinen wichtigeren Wunsch als diesen.“ Der Fischer verzweifelte erneut.
„Dir wird sicherlich eines Tages einer einfallen,“ tröstete Blubbi Blubberblase.  „Rufe mich einfach, wenn es so weit ist."
„Aber was soll ich denn jetzt gegen diese Gänse unternehmen?“, 
fragte der Fischer
„Fang sie einfach ein!“, sagte der Zauberfisch.
Dem Fisch schien das die leichteste Sache von der Welt zu sein. 
„Wie soll ich das machen?“, fragte der Fischer. 

Der Zauberfisch antwortete: 
„Diese Gänse sind die dümmsten der Welt. Wenn sie also wieder rufen: ’Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser! dann steigst du in dein Boot und fährst hinaus auf den Fluss. 
Dann musst du ihnen sagen, wie tief das Wasser ist. 
Die Gänse werden aber anfangen dich auszulachen, weil sie doch schwimmen können und ihnen die Tiefe ganz egal ist. Sie werden dich für sehr dumm halten, dass du ihnen ihre Frage beantwortet hast und sie werden dann weiter versuchen, dich zu ärgern. 
Ganz sicher werden sie dich dann fragen, 
wie sie über das Wasser kommen sollen. 
Dann sage ihnen, sie sollen Ihre Köpfe tief in den Fluss stecken und mit eingetauchtem Kopf herüber schwimmen. Und wenn die Gänse das machen, kannst du sie einfangen und ihnen 
die Schnäbel mit einem dicken Strick zubinden. 
Dann wird endlich Ruhe sein, und du wirst deine Fische fangen können.“ 
 
Der Fischer setzte sich am nächsten Tag wieder in sein Boot, das am Ufer lag, und tat so, als wolle er fischen. Es dauerte gar nicht lange und die frechen Gänse riefen wieder: 
„Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser!“ 
Da antwortete der Fischer: 
„100 Meter tief!“ 
Die drei Gänse schwammen dicht um ihn herum, kicherten, gackerten und lachten und riefen laut zurück: „Wie kommen wir da rüber!“ 
Schlau tat der Fischer so, als müsse er erst darüber nachdenken. 
Plötzlich rief er den Gänsen dann zu: 
„Mit dem Kopf im Wasser!“ 
Eine der Gänse aber, die die andern beiden Gänse wohl für klug hielten, spürte in diesem Moment an ihrem Flossenfuß etwas knabbern. Sofort steckte sie ihren Kopf ins Wasser, weil sie wissen wollte, was oder wer das ist. Ihr Schwanz ging dabei in die Höhe und wackelte dabei so komisch hin und her. 
 
 Die anderen Gänse aber machten es ihr nach, weil sie glaubten, dass die erste Gans den Fischer kräftig veralberte und so tat, als würde sie wirklich so über das Wasser schwimmen wollen. Sie wussten nicht, dass Blubbi Blubberblase die erste Gans an ihrem Schnabel 
gepackt hatte und sie daran festhielt.
Und so tauchten auch die anderen beiden ihre langen Hälse - blubb, blubb, - tief ins Wasser und wackelten lustig mit den Schwänzen herum, als führten sie einen albernen Tanz auf dem Wasser auf.
 
Sogleich beugte sich der Fischer über das Boot, schnappte sich eine Gans nach der anderen und band ihnen schnell mit dicken Stricken ihre frechen Schnäbel zu. Mit zugebundenen Schnäbeln flohen die Gänse erschrocken zum Ufer und versuchten sich dort vergeblich von den Stricken zu befreien. 
 
Nun war Ruhe auf dem Fluss. Endlich konnte der Fischer ein paar Fische fangen. Als er dann genug eingefangen hatte, 
verkaufte er sie am späten Morgen auf dem Markt. 
Von dem Geld kaufte er Essen für seine Kinder, 
und am Abend aßen sich alle satt und glücklich. 

Als die Kinder längst eingeschlafen waren, ging er aber doch noch einmal vor die Türe, suchte die Gänse und befreite sie von ihren Stricken. 
Für die dummen Gänse war es schlimm gewesen, den ganzen Tag nichts trinken, nichts essen und überhaupt nichts sagen zu können. Sie hatten bereits ganz trockene Zungen, Hunger und litten großen Durst. 
Sie waren aber so erschrocken, dass sie dem Fischer versprachen, ihn nie wieder zu ärgern. Denn sonst, so warnte der Fischer sie, 
würde er sie erneut austricksen und ihnen nie wieder die Stricke von den Schnäbeln nehmen. Sie nickten dankbar 
mit ihren langen Hälsen und suchten schnell das Weite.
 
Und damit die frechen Gänse diese Warnung nie wieder vergaßen, spielten die Kinder des Fischers jeden Tag, an dem Gott die Sonne scheinen ließ, ein neues Spiel. Und auch ihre Kinder und deren Kinder und wiederum deren und deren und deren Kinder spielen es noch bis zum heutigen Tag, um alle Gänse zu warnen. Und darum kennt auch heute noch jeder dieses Spiel. Es heißt: Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser.
Wer von euch aber doch noch nicht weiß, wie es gespielt wird, sollte einfach die Eltern fragen! Denn die kennen es bestimmt!